Condom seit 1972

 

Gründung der Städtepartnerschaft mit Condom

Im Jahre 1972 feierte Grünberg das große Fest der 750-Jahrfeier. Zu diesem Ereignis sollte in Grünberg etwas besonderes passieren. Die Überlegungen in der Stadtverordnetenversammlung über einen Festzug, eine Festschrift, über Veranstaltungen, die dem Ereignis der 750-Jahrfeier würdig waren, ließen auch den Gedanken aufkommen: „Wie wäre es denn mit einer Partnerstadt im benachbarten Frankreich?“ Durch glückliche Umstände zweier Grünberger Bürger stieß man auf die Stadt Condom im Süden Frankreichs im Department Gers in der Gascogne. Von Seiten des Grünberger Bürgermeisters Karl Anschütz wurden schriftliche Kontakte mit dem Bürgermeister in Condom Abel Abeillé aufgenommen. Diese ersten Berührungspunkte zeigten das Interesse auf beiden Seiten und ließen bald den Gedanken reifen, sich einmal persönlich kennenzulernen und evtl. den Austausch von zunächst kommunalpolitischen Gruppen einmal von Grünberg nach Condom, einmal von Condom nach Grünberg zu realisieren. Bereits die erste Gruppe von Grünberg nach Condom wurde dort sehr herzlich und sehr aufgeschlossen empfangen.

Die Verlobung: Bürgermeister Abel Abeillé und Bürgermeister Karl Anschütz

Auch dort war man dem Gedanken gegenüber aufgeschlossen, es möge friedlich werden in Europa, gerichtet auf Freundschaften, im Gegensatz zu den früher bestehenden Konfrontationen. Die Generationen im 2. Weltkrieg und kurz danach wußten noch um den sogenannten Erzfeind Frankreich, um die Erzfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland. Es war ein ganz großes politisches Werk, das der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer mit dem Staatspräsidenten Frankreichs Charles de Gaulle in die Wege leitete. Ein Freundschaftsvertrag, der auf dem richtigen Weg in die richtige Richtung, dem Ziele des vereinten und friedlichen Europas, ausgerichtet war. Nach diesen Bemühungen gab es in vielen Städten Deutschlands das Bestreben, Kontakt aufzunehmen bzw. einen Partner zu suchen, mit dem man evtl. eine solche Städtepartnerschaft eingehen konnte. Und so war das auch in Grünberg. Die Stadtverordneten waren sofort begeistert von der Idee und den Möglichkeiten und hatten aus der Absicht auch tatsächlich etwas mit Hand und Fuß geschaffen. Bei dem ersten Besuch in Condom erfuhr die erste Delegation eine derartige Herzlichkeit der Aufnahme, eine derartige Information über die Stadt Condom, über ihre Bürger und Umgebung, sodaß man geradezu begeistert nach Hause fuhr. Den Franzosen wurde angeboten, so schnell wie möglich auch Grünberg kennen-zulernen, damit sie wüßten, mit wem sie evtl. eine Partnerschaft eingehen. Hier gab es ein lustiges Erlebnis, denn nachdem diese Einladung ausgesprochen war, sagte der Bürgermeister von Condom: „Wir haben Grünberg schon in den hellsten Tönen geschildert bekommen. Einer unserer Bürger, ein damaliger Stadtrat, hatte sich einige Tage in Grünberg aufgehalten. Die Stadt und die Gegend erkundet. Er berichtete, daß die Menschen sehr aufgeschlossen, sehr vertrauenserweckend seien und das friedliche Städtchen Grünberg genau der richtige Partner für die schöne Stadt Condom wäre“. Als dann eine große Delegation aus Condom, bestehend aus den Offiziellen der Stadtverwaltung sowie Damen und Herren aus den Vereinen nach Grünberg kamen, traf dieses erste Besichtigen Grünbergs mit der Feier der 750-Jahrfeier in Grünberg zusammen. Das war natürlich ein glücklicher Zufall, die Stadt war rot/weiß/blau, in den Grünberger Farben geschmückt, die gleichzeitig die französischen sind. So meinten alle Teilnehmer, Grünberg wäre speziell für ihren Besuch derart gerüstet.

Die Verschwisterungsurkunden.

Der herrliche Festzug, der sicherlich bei allen, die ihn erlebt haben, in bester Erinnerung geblieben ist, zeigte auch den Franzosen die Vorgeschichte Grünbergs, dessen wirtschaftliche Entwicklung, dessen Handwerksentwicklung, dessen Verbindung zu den Auswanderern nach Amerika und so weiter und so weiter. Es war ein rundes Erlebnis und dazu kam dann natürlich noch, daß die Stadtverwaltung ein umfangreiches Besichtigungsprogramm ausgearbeitet hatte. Hierbei durfte natürlich der Besuch der Brauerei in Lich, des Hoherodskopf im Vogelsberg, der Besuch Frankfurts, der Stadt mit dem weltberühmten Flughafen, nicht fehlen. Als die Condomer Grünberg wieder verließen, waren sie einig in der Meinung, „wir passen zusammen, wir wollen den Weg gemeinsam beschreiten und versuchen, ob wir für unsere Zukunft, für unsere Jugend etwas schaffen können, was ganz im Sinne der friedlichen Vereinigung Europas liegt“. Nachdem der Termin vom Mai 1972, das erste Kennenlernen ihrer Partnerstadt Condom durch die Grünberger, als die Verlobung bezeichnet werden kann, fand dann anläßlich des Gegenbesuchs der Condomer Delegation am 2. Juni 1972 die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde hier in Grünberg mit musikalischer Untermalung des Musikvereins in einer feierlichen Stadtverordnetensitzung statt. Und das war gewissermaßen die Hochzeit der beiden Städte. Ein Anfang war geschaffen für ein ganz großes Werk, was sich im Laufe der folgenden Jahre über die Grenzen Grünbergs und Hessens hinaus zu einer bekannten Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland herausstellen sollte. Viele Bürger, viele Jugendliche haben geholfen, dieses Werk zu dem zu machen, was es heute ist, und es so erfolgreich zu gestalten, daß es weit über 10.000 Kontakte gibt, die in beiden Richtungen neu geschlossen wurden. Die guten Absichten bedurften natürlich auch einer gewissen Organisation auf der deutschen wie auf der französischen Seite, und so war man sich schnell einig, daß es nötig war, einen Arbeitskreis Partnerschaft zu gründen, der interessierte Bürger zur aktiven Mithilfe motiviert. Sowohl in Grünberg als auch in Condom entstand ein Arbeitskreis Partnerschaft. Es war die Absicht der neugegründeten Partnerschaftsarbeitskreise, alle Teile der Bevölkerung und auch alle Teile der Großgemeinde Grünberg einzubeziehen und Allen Gelegenheit zum Kennenlernen und gegenseitigen Besuchen zu geben. In allererster Linie galt dieses natürlich der Jugend beider Städte und hier war wohl der Grundstein für die Zukunft gelegt, denn die Jugend hatte sich von Anfang an in größeren Gruppen als Austauschschüler bemüht, nach Condom zu fahren, um Land und Leute kennenzulernen, in den Familien die jeweilige Muttersprache des Partners zu sprechen, den Tonfall zu erfahren und die Ausdrucksweise, ja gewisse Bräuche und Sitten anzunehmen und insgesamt dadurch auch in der eigenen Entwicklung hier im Französischunterricht eine bessere Benotung zu erreichen. Der jährliche Jugendaustausch wurde organisiert, es gab einen Adressenaustausch. Auf der französischen Seite bemühte man sich, etwa die gleiche Kopfzahl der Austauschgruppe aufzustellen und die Quartiere klarzumachen.

Selbstverständlich, und das galt für alle Besuche, war von vornherein die Absicht des Gebens und Nehmens. Aufnehmen eines Partners, eines Korrespondenten und Aufnehmen des jeweiligen Besuchers in Condom oder in Grünberg. So war es selbstverständlich, daß zuallererst die persönlichen, die familiären Kontakte geknüpft wurden. Und das erweiterte sich dann über den Jugendaustauch hinaus. Mit sehr großem Interesse haben Vereine und Gruppen auf beiden Seiten sich gegenseitig besucht, oder man traf sich zu festlichen Anlässen (und derer gab es im Laufe der Jahre viele). Die Condomois lernten den Gallusmarkt kennen, das große Grünberger Ereignis. Hier kam es bei der Wurzelbürgerbürsterei zu so manchem Ehrenwurzelbürger aus Condom. Die Grünberger lernten das große Volksfest St. Pierre, oder das Festival de Bandas kennen, ein musikalisches Großereignis, zu dem auch heute noch jährlich Besuchergruppen aus Grünberg nach Condom fahren.

Die Grünberger lernten die foire d’exposition kennen, eine jährliche Gewerbeausstellung in Condom, die Gelegenheit gab, schon 1974 die Stadt Grünberg auf einem Messestand vorzustellen.

Die Lage Grünbergs innerhalb Deutschlands, die Entfernung von Condom nach Grünberg, wurde in Schautafeln dargestellt und eine rege Besucherzahl in Condom konnte sich informieren, „wo liegt die Stadt, mit der wir neuerdings ein freundschaftliches Verhältnis haben?“ Sehr aufgeschlossen zeigten sich die Grünberger Vereine, wenn es galt, die ersten Besuchergruppen nach Condom zusammenzustellen. Zwei Gruppen sind zu nennen, die sehr früh, fast als erste beteiligt waren und einen nachhaltigen Eindruck in Condom hinterließen oder nach Grünberg mitgebracht hatten: die Feuerwehr Grünberg und der Chor der Diebsturmspatzen. Hier fand man gleich Kontakt, Gegenkontakte in Condom; die Feuerwehr mit einem freundschaftlichen, kameradschaftlichen Verhältnis, Feierlichkeiten und gemeinsamen Feten. Das Gegenstück zu den Grünberger Diebsturmspatzen war der Chor d‘ Armagnac, Condom. Eine Gruppe von Sängerinnen und Sängern, die es auch zu sehr beachtlichen Leistungen gebracht hat. Diese Begegnungen ergaben Freundschaften, die schon mehr als über ein normales Sängerleben hinausgingen, Freundschaften, die sich bis zum heutigen Tag erhalten haben, gepflegt und gefördert werden.